In weiten Teilen deckt sich dieser Blog mit meinen Beiträgen bei Instagram bzw. Facebook. Dennoch führe ich diese Seite weiter, weil so ein kleiner Blog eine Alternative zu den großen, kommerziellen Social-Media Anbietern darstellt. Gerne kannst du den Blog auch mittels RSS-Feed abonnieren.
Eine der Hauptattraktionen des Nationalmuseums in Seoul ist der kontemplativ, nachdenklich, in sich gekehrte Buddha. Dabei handelt es sich um vergoldete Bronzeskulptur, die mit halbgekreuzten Beinen sitzt und grübelnd die Hand an die Backe anlegt. Der Vergleich zu Rodins Skulptur „Der Denker“ drängt sich geradezu auf.
In einer der Haupthallen befindet sich eine zehnstöckige Pagode aus dem Kloster Gyeongcheonsa, wo sie 1348 errichtet wurde. 1907 wurde sie illegalerweise von einem korrupten japanischen Beamten nach Japan geschmuggelt, aber schon 1918 wieder zurückgegeben. 1960 wurde sie wieder aufgebaut, aber aufgrund des sauren Regens und anderer Umwelteinflüsse begann die Pagode so stark zu verwittern, dass man sich 1995 entschied sie wieder abzubauen und einzulagern. Erst zehn Jahre später, mit der Eröffnung des neuen Nationalmuseums, konnte man die Pagode geschützt in einem Innenraum errichten.
Außerdem gabt es noch eine prächtige Goldkrone zu bestaunen, die aus dem 5. Jahrhundert stammt, als in der Region das Silla Königreich herrschte. Mittlerweile geht man davon aus, dass die Krone einer Königin gehört haben muss, weil sie aus einem Grab stammt, in dem auch typischer Frauenschmuck gefunden wurde.
Mein erster Eindruck von Seoul erinnerte mich an ein Zitat von Friedrich Wilhelm Kiel, dem Oberbürgermeister meiner Heimatstadt Fellbach zwischen 1976 und 2000. Heute schmückt sein Zitat die Backsteinwand am Pécs-Brunnen, der an die Städtepartnerschaft zwischen dem ungarischen Pécs und Fellbach erinnern soll.
„Die Menschen in ganz Europa wollen Frieden. ‚Nicht-Krieg‘ ist zu wenig.“
Wie sich die Situation des „Nicht-Kriegs“ im Vergleich zum Frieden anfühlt, lässt sich vielleicht in der Hauptstadt Südkoreas ein klein wenig besser nachvollziehen. Nur 50 bis 60 km von der nordkoreanischen Grenze entfernt begegnet man in Seoul regelmäßig Soldaten auf der Straße oder findet am Hauptbahnhof eine eigene Lounge für Militärangehörige. Die Wehrpflicht dauert immer noch 18-22 Monate und dementsprechend zackig sehen viele junge Männer aus. Vielleicht ist mein erster Eindruck aber auch dadurch geprägt, dass ich gleich am ersten Tag das Militärmuseum bzw. die Koreanische Kriegsgedenkstätte besucht habe.
Das ehemalige Hauptquartier der südkoreanischen Armee wurde Anfang der 90iger Jahre zu diesem Museum umgebaut. Auf dem Vorplatz befindet sich das Mahnmal zur Erinnerung an den Koreakrieg, sowie auf seiner rechten Seite einen kleinen Park mit ausgestelltem Kriegsgerät. An einem Umgang stehen auf schwarzen Marmortafeln die Namen aller bekannten koreanischen Gefallenen des Koreakriegs und des Vietnamkriegs. Im Museum selbst erhielten alle Nationen, die damals am Koreakrieg auf Seiten Südkoreas beteiligt waren, eine eigene Vitrine. Dazu gehörte auch Deutschland, welches medizinische Hilfe beisteuerte, sowie Luxemburg, die mit den Belgiern zusammen kämpften.
Zum Glück handelte das Museum aber nicht ausschließlich vom Koreakrieg, sondern beherbergte auch historische Rüstungen und Waffen. Besonders beeindruckend war dabei ein Nachbau eines Schildkrötenpanzerschiffs in Originalgröße, welches in dieser Form Ende des 16. Jahrhunderts eingesetzt wurde. Trotzdem hinterließ das Museum in mir am Ende eine bedrückte Stimmung.
Akutagawa, quasi der japanische H.P. Lovecraft, raubt seit über hundert Jahren mit düsteren, dem Wahnsinn nahen Kurzgeschichten den nächtlichen Schlaf.
Geboren im Jahr 1892 verlor der junge Ryunosuke früh seine Mutter an eine psychische Krankheit und wurde von einer Tante großgezogen. Diese Erfahrung prägte ihn zutiefst und sein ganzes Leben hindurch befürchtete er auch immer wieder selbst den Verstand zu verlieren. Schon als Kind lernte Akutagawa Englisch und wurde durch moderne Lehrer früh mit der literarischen Tradition des Westens vertraut gemacht. In dieser Hinsicht war er ganz ein Kind der Taisho Zeit (1912-1926), die in der (englischsprachigen!) Einleitung mit der Weimarer Republik verglichen wird. In dieser Zeit hatte Japan einen schwachen, kranken Herrscher, sodass es zu einer schleichenden Demokratisierung kommen konnte, das Parlament gewann an Macht und man gab sich weltoffen und dem Westen zugeneigt. In dieser Phase veröffentlicht Akutagawa, noch als Student an der Kaiserlichen Universität Tokyo, die ersten Kurzgeschichten. Längere Zeit war er als Journalist und Englischlehrer tätig, jedoch verschlechterte sich sein mentaler Zustand ab 1919 rapide. Während Japans offene Gesellschaft langsam zerfällt und Militarismus und Nationalismus um sich greifen, wird Akutagawa von Angstzuständen, Psychosen und Halluzinationen geplagt. Schließlich begeht er 1927 mit einer Überdosis Schlafmittel Selbstmord.
Viele seiner Werke griffen klassische Stoffe auf, die er modern interpretierte. So auch seine Kurzgeschichte Rashōmon mit der ihm 1915 der literarische Durchbruch gelang. Die Geschichte spielt in einer, für ihre Endzeitstimmung bekannten Epoche der Vergangenheit Japans, nämlich der Heian-Zeit (794-1192). Im Dachstuhl eines verwahrlosten Eingangstors entdeckt ein arbeitsloser Diener achtlos entsorgte Leichenberge verarmter Mitbürger, die sich ein ordentliches Begräbnis nicht leisten konnten. Geschockt von dem Anblick, bleibt ihm fast das Herz stehen, als er eine Bewegung wahrnimmt. Dann stellt er aber fest, dass die Bewegung von einer älteren Frau verursacht wurde, die Leichen plündert, um aus den Haaren Perücken herzustellen, von deren Verkauf sie sich über Wasser halten kann. Sie stiehlt, um zu überleben. Der Diener ist zunächst empört, erkennt jedoch, dass er sich selbst in keiner besseren Lage befindet. Schließlich raubt er die alte Frau brutal aus und flieht, um selbst zu überleben.
Das ist nur ein kurzer Einblick in die vielen, schaurigen Kurzgeschichten, die Akutagawa verfasst hat. Die Textsammlung deren englische Ausgabe hier abgebildet ist, wurde auch ins Deutsche übersetzt und ist im Luchterhand-Literaturverlag erschienen.
Noch bis Oktober dieses Jahres findet in Osaka die Weltausstellung Expo 2025 statt. Weil ich ohnehin in der Gegend war, wollte ich mir das Spektakel nicht entgehen lassen. Im Vorfeld der Ausstellung gab es, wie immer Probleme, Skandale und Schwierigkeiten. Paris zog damals 2018 seine Bewerbung sogar zurück. Als Osaka den Zuschlag erhielt, kam es zu Bauverzögerungen und einer ungeheuren Preisexplosion. Am Ende konnten am Eröffnungstag fünf Länderpavillons nicht in Betrieb genommen werden.
Die Expo befindet sich auf einer künstlich aufgeschütteten Insel am Stadtrand und zeichnet sich durch einen Ringbau aus, der das gesamte Gelände umschließt. Dieser sogenannte „Grand Ring“ ist eine 20m hohe, begehbare Holzstruktur mit 675m Durchmesser und ca. 2km Umfang. Zu Beginn eines Besuchs macht es Sinn mit der Rolltreppe auf das Dach des „Grand Ring“ zu fahren, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Leider hat man der Expo aber angemerkt, dass ihre Planung mit der heißen Nadel gestrickt wurde. Fast nirgendwo gab es Schatten, Essensstände lagen weit entfernt voneinander und an den Wasserspendern bildeten sich ewige Schlangen. Generell hatte man den Eindruck, dass die Anlage nicht für die Menschenmassen ausgerichtet war, die zu Besuch kamen. Manche Länderpavillons waren so überfüllt, dass selbst die meterlangen Schlagen vor den Eingangstoren „geschlossen“ wurden, weil es keinen Platz mehr gab sich anzustellen, ohne den Verkehr zu behindern. Durstig und genervt entschied ich mich deshalb dazu keinen der großen Pavillons zu besichtigen, sondern vergnügte mich in den Ausstellungshallen der Entwicklungsländer.
Am beeindruckendsten fand ich jedoch die musikalische Beschallung vor Ort. Das gesamte Expo-Gelände war mit Lautsprechern ausgestattet, die die Besucher mit passender Musik beschallten.
Dieses sogenannte „Soundscape Design“ orientiert sich an natürlichen Rhythmen, Wetter und der historischen Zeitmessung. Morgens klingen belebende, abends entspannende Klänge. Durch Sensoren ändert sich die Musik auch je nach Sonneneinstrahlung oder bei Regen und Sturm. Außerdem war das Gelände in acht verschieden Zonen aufgeteilt (z.B. Wald, Wasser, Leben, Luft, etc.), in denen jeweils verschiedene Lieder gespielt wurden.
Die Klangwelten lassen sich auch von zuhause aus entdecken. Hier wäre die Webseite der Expo: https://expoworlds.jp/en/sound/ und hier der Soundcloud-Account mit den Liedern selbst: https://soundcloud.com/expoworlds Leider war keines der Lieder aus der Expo hier auf Instagram direkt abspielbar. Deshalb läuft im Hintergrund „Night Forest“ von Kuniyuki Takahashi, einem Künstler, der auch einige Beiträge zur Klangkulisse der Expo geleistet hat.
Das Historische Museum von Osaka befindet sich in einem futuristischen, 2001 fertiggestellten Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft zur Burg von Osaka. Nachdem man eine Eintrittskarte erworben hat, wird man mit dem Aufzug ins oberste Stockwerk geleitet. Das Museum ist nun chronologisch aufgebaut und man bewegt sich von oben nach unten durch die Stadtgeschichte.
Besonders eindrucksvoll ist die Teilrekonstruktion der Eintrittshalle des Naniwa Palasts aus der Nara Periode (710-794 n.Chr.). Hier kann man die Hofdamen und Beamten betrachten, die in originalgetreuen Kleidern zum Herrscher eilen. Wechselt man von einem Stockwerk zum anderen, gelangt man in ein verglastes Treppenhaus, von dem man die Burg von Osaka in ganzer Pracht beobachten kann. Allein diese Aussicht wäre es schon wert die 3,45€ für den Eintritt auszugeben.
Im siebten Stockwerk läuft man durch eine rekonstruierte Straßenszene, die Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden sein könnte, und in der mit lebensgroßen Puppen, Händler, Verkäufer, Straßenjungen, etc. dargestellt werden. Aber in diesem Museum wird die multimediale Inszenierung der Stadtgeschichte ohnehin weiter vorangetrieben als in jedem anderen Museum, das ich bisher gesehen habe. Zwischen den alt wirkenden Häuserzeilen waren nämlich zusätzlich Bildschirme angebracht, welche Originalaufnahmen aus dieser Zeit abspielten.
Zwei dieser Aufnahmen habe ich euch mit angehängt. Alltägliche Straßenszenen mit Fahrradfahrern, Autos und Zügen sind darauf zu sehen, allesamt so ungefähr hundert Jahre alt.
Ursprünglich wurde die Burg von Osaka im späten 16. Jahrhundert von Toyotomi Hideyoshi, einem der großen Reichseiniger Japans, errichtet. Ziel war es, ein politisches und militärisches Zentrum zu schaffen, das seine Herrschaft über das Land festigen sollte. Im Laufe der Geschichte wurde die Burg jedoch mehrfach zerstört und wiederaufgebaut. So z.B. während der Belagerungen von Osaka Anfang des 17. Jahrhunderts oder später durch Brände und Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg.
Nähert man sich dem Hauptturm aus nördlicher Richtung, so läuft man an den Gräbern von Toyotomi Hideyori, dem Sohn des Burggründers, sowie dessen Frau Yodo-dono vorbei. Nach dem Tod des Reichseinigers Hideyoshi, sollte dessen junger Sohn Hideyori den Thron übernehmen. Jedoch wurde er schnell von dem aggressiven Daimyo Tokugawa Ieyasu verdrängt. Nach der Belagerung von Osaka zwang der neue Regent den Sohn Hideyori mitsamt seiner Mutter, der verwitweten Frau des Reichseinigers, an diesem Ort Selbstmord zu begehen. Damit begann das Tokugawa Shogunat (Edo-Zeit), welches noch bis 1868 Bestand haben sollte.
Der heutige Hauptturm ist der Burg von Osaka ist überraschend jung! Er stammt aus den 1930er-Jahren und stellt von außen eine originalgetreue Rekonstruktion des ursprünglichen Turms dar. Während den 1990er-Jahren kam es zu weiteren, umfassenden Restaurierungen, sodass man heute sogar mit dem Fahrstuhl bis in die obersten Stockwerke gelangt. Das Innere beherbergt heute ein modernes Museum, das die Geschichte Hideyoshis, die Baugeschichte der Burg und die Schlachten von Osaka anschaulich darstellt. Im achten Stock befindet sich eine Aussichtsplattform mit bezauberndem Blick über die Stadt.
Diese Verbindung aus moderner Technik im Gewandt altehrwürdiger Tradition kann als Sinnbild für die gesellschaftliche Entwicklung Japans seit der Meiji-Restauration verstanden werden. Das Schlagwort der damaligen Zeit war „Wakon yōsai“ (和魂洋才) „japanischer Geist und westliche Technik“.
Die zwei obersten Stockwerke des Kinkakuji (金閣寺) sind vollständig mit Blattgold überzogen, weshalb der Tempel auch den Namen „Goldener Pavillon“ trägt. Ursprünglich war die Anlage im Nordwesten Kyotos der Alterswohnsitz von Shogun Ashikaga Yoshimitsu (1358-1408). Der aktuelle Bau ist jedoch sehr viel jünger, da die Gebäude im Laufe ihrer Geschichte häufig abgebrannt sind. Zuletzt geschah dies am 2. Juli 1950, als der Tempel Opfer eines Brandanschlags wurde.
Dieser Brandanschlag ist auch das Thema von einem von Yukio Mishimas Romanen mit dem passenden Titel „Der Goldene Pavillon“. Darin erzählt er die fiktive Geschichte eines jungen buddhistischen Mönches, der von der Schönheit des Pavillons so in Bann gezogen wird, ja so besessen ist, dass er sich dazu entschließt ihn zu zerstören. Die Geschichte behandelt den mentalen Zerfall der Hauptperson, die zusehends den Bezug zur Realität verliert. Die Kernthemen aus Mishimas Werk treten zutage: Schönheit und ihre Vergänglichkeit, der Wert der Kunst, Tod und Gewalt. Um für seinen Roman zu recherchieren, besuchte Yukio Mishima den echten Brandstifter im Gefängnis. Die Mühe hat sich gelohnt, denn heute zählt das Buch zu seinen wichtigsten Werken.
Heute jedenfalls erstrahlt der Kinkakuji wieder schadlos in güldenem Glanz. Tatsächlich streiten sich Historiker darüber, ob der ursprüngliche Tempel wirklich so flächendeckend mit Goldfarbe angestrichen bzw. mit hauchdünnem Gold überzogen war. Die ältesten (cholorierten) Fotografien des früheren Tempels zeigen nämlich ein leicht heruntergekommenes Gebäude, bei dem die Farbe bereits an allen Ecken und Enden abblätterte. Wahrscheinlich befindet sich der Kinkakuji heute in einem makelloseren Zustand, als zum Zeitpunkt des Brandanschlags vor 75 Jahren.
Yukio Mishima hat sich zeitlebens dafür geschämt den Zweiten Weltkrieg überlebt zu haben. Zu schwach und schmächtig, um eingezogen zu werden, versteckte er sich auf dem Land, während seine Kameraden ihr Leben ließen. In der Nachkriegszeit wird er zu einem von Japans größten Schriftstellern, aber der selbst empfundene Makel lässt ihn nicht los. Er betreibt einen intensiven Körperkult und trainiert leidenschaftlich. In seinem Essay „Sun and Steel“ schreibt er: „Als mein Körper Muskeln und in Folge Stärke erlang, wurde in mir graduell eine positive Akzeptanz des Schmerzes geboren. Mein Interesse an physischem Leiden vertiefte sich.“ Als der Tenno nach dem Zweiten Weltkrieg auf seinen Anspruch der Göttlichkeit verzichtet, stürzt Mishima in eine Sinnkrise. So nimmt er den Kampf gegen die Verwestlichung Japans auf, bei der die eine altehrwürdige Kultur nur durch oberflächlichen Materialismus zersetzt werde. 1969 legt er in „Verteidigung einer Kultur“ sein politisches Weltbild dar. Ein Jahr später hatte er genügend Anhänger versammelt, um bewaffnet eine Garnison der japanischen Selbstverteidigungskräfte zu stürmen. Auf der Balustrade des Gebäudes stehend hielt er eine Rede, in der er die versammelten Soldaten auffordert, ihm Gefolgschaft zu leisten und ein von den USA unabhängiges Militär aufzubauen. Anschließend beging er rituellen Selbstmord durch Seppuku.
Neben seiner Verehrung von Körperkraft, Militarismus, Tod und Schmerz ist seine Homosexualität das zweite große Thema von Mishimas Werk. Sein Roman „Bekenntnisse einer Maske“ trägt stark autobiographische Züge und handelt davon, wie die jugendliche Hauptperson in der restriktiven Gesellschaft Japans während der Nachkriegszeit seine Homosexualität entdeckt.
Der schwächliche Kochan wächst abgeschieden unter Obhut seiner Großmutter auf. Früh bemerkt er seine Andersartigkeit, will sie aber nicht wahrhaben. Er versucht krampfhaft sich in das Mädchen Sonoko zu verlieben, scheitert aber letztendlich. Trotz der Erkenntnis, dass er keine Frau lieben kann, sind die gesellschaftlichen Normen im damaligen Japan so restriktiv, dass er sich entscheidet, seine Präferenzen nicht offen zu zeigen und stattdessen mit einer sozial-konventionellen Persona aufzutreten.
Hier sei der kleine Exkurs erlaubt: die Etymologie des Begriffs „Person“ ist zwar umstritten, aber die verbreitetste Theorie besagt, dass das Wort von dem Lateinischen „persona“ stammt, was ein Fachbegriff für die Maske eines Schauspielers war.
Der Roman wurde kontrovers diskutiert, war aber auch ein großer Erfolg. Über Nacht wurde der 24-jährige Yukio Mishima im ganzen Land berühmt und war damit, anders als die Hauptperson des Romans, kein verkappter Homosexueller.
Als ich in Tokyo war, wollte ich den Ort besuchen, an dem Mishima starb. Heute befindet sich dort immer noch eine Militäranlage, aber theoretisch auch ein kleines Museum. Ich lief an mehreren schwer bewaffneten Soldaten vorbei, um zum Eingang zu gelangen, wo man mir in gebrochenem Englisch und mit Händen und Füßen erklärte, dass man für das Museum eine Online-Anmeldung benötigt. So musste ich leider umkehren.
Das „Samurai Ninja Museum“ in Kyoto ist eine interaktive, lustige, aber vor allem für Kinder perfekt geeignete, kleine Ausstellungshalle. Bei einer obligatorischen Führung bekommt man nicht nur die verschiedenen Rüstungen und Waffen gezeigt, sondern darf zum Schluss sogar selbst ein paar Shuriken (sternförmige Ninja-Wurfwaffen) schmeißen. Es handelt sich um einen wirklich lebhaften Kurzausflug in das feudale Japan mit seinen Kriegsherren, ehrvollen Kämpfern und Intrigen.
Anfangs dienten die Samurai lediglich als Soldaten für den Kaiser und die Adelsfamilien. Mit dem Aufstieg des Shōgunats und der Etablierung einer Militäraristokratie wurden die Samurai jedoch zur herrschenden Klasse. Zwischen dem 12. Jahrhundert und der Meiji-Zeit in den 1870igern, galten sie als die inoffiziellen Herrscherklasse auf der Insel. Ihre Hauptwaffe war das Katana, oft ergänzt um ein kleineres Schwert bzw. Dolch, dem sogenannten Wakizashi. Doch sie kämpften auch mit Bögen, Speeren und waren in späterer Zeit begeisterte Nutzer von Feuerwaffen. Neben ihrer militärischen Rolle waren viele Samurai auch gebildet, beschäftigten sich mit Dichtung, Kalligraphie oder Zen-Buddhismus.
Die Ninja dagegen agierten im vormodernen Japan als geheime Agenten und Spione. Im Gegensatz zu den Samurai, die offen und zu mindestens theoretisch ehrenhaft kämpften, operierten die Ninja meist im Verborgenen. Ihre Hauptaufgaben umfassten Beschattung, Sabotage, Aufklärung und Attentate. Besonders im 15. und 16. Jahrhundert, einer Epoche ständiger Kriege, waren sie für rivalisierende Fürsten von großer Bedeutung. Das Museum zeigte eine ganze Reihe an Waffen, die von den Ninja verwendet wurden. Da diese aber stets im Verborgenen agierten, sind die Ausstellungsstücke natürlich nicht so imposant und atemberaubend wie die Ausrüstung der Samurai.
Zuletzt kann man sich in dem Museum auch noch ein Rüstungsimitat überwerfen und grandiose Bilder schießen. Ein Ausflug zu diesem Museum ist wohl ein Muss für jeden, der zum ersten Mal nach Kyoto reist. Wirklich fantastisch!