
Das Geheimnis um diese Geschichte wird schon im Prolog von der Hauptperson des Romans, Richard Papen, gelüftet. Aus dessen Perspektive erfahren wir dann auch von den Geschehnissen am altehrwürdige Hampden College in Vermont, New England. Richard schreibt sich zunächst in den elitären Altgriechisch-Kurs von Julian Morrow ein, der neben ihm aktuell noch fünf weitere Studenten hat. Den hochgeschossenen, nüchternen Henry Winter, den eleganten Francis Abernathy, die Zwillinge Charles and Camilla Macaulay, sowie Bunny Corcoran, von dem man in den ersten Seiten erfährt, dass er von den anderen ermordet werden wird. Der Prolog beginnt tatsächlich mit dem Satz: “The snow in the mountain was melting and Bunny had been dead for several weeks before we came to understand the gravity of our situation.” (S. 1) Wie es dazu kommen konnte, dass seine Gruppe verwöhnter High Society Altgriechisch-Studenten einen kaltblütigen Mord begehen, ist der Inhalt des ersten Teils dieses Buches.
Hier wird beschrieben, wie der aus einfacheren Verhältnissen stammende Richard versucht sich in die Gruppe zu integrieren und viel Zeit wird auf die Dynamik der einzelnen Mitglieder verwendet. “A morbid longing for the picturesque at all costs.” (S.5) zeichnet unseren Protagonisten aus und so wird auch er, wie die anderen, in den Bann des charismatischen Griechischlehrers Julian gezogen. Eine Unterrichtsstunde handelt von dem ästhetischen Ideal der Griechen und Julian schwärmt von den gewalttätigen Seiten der Schönheit. “Beauty is rarely soft or consolatory. Quite the contrary. Genuine beauty is always quite alarming.” (S. 41), “Beauty is terror. Whatever we call beautiful, we quiver before it.” (S. 45)
Mit der Zeit fällt Richard auf, dass die anderen in der Gruppe ihm etwas verschweigen. Erst als sich Bunny zunehmend erratisch verhält, weihen sie ihn ein. Bei dem Versuch die sogenannten Bacchanalien nachzustellen, einer dionysischen Orgie aus dem alten Rom, töte die Gruppe im wilden Drogenrausch einen lokalen Farmer. Zu diesem Zeitpunkt war Bunny zwar nicht anwesend, jedoch entdeckte er über Umwege die Wahrheit über die Tatnacht und begann damit seine Freunde zu erpressen. Als diesen langsam das Geld ausgeht und Bunny immer häufiger damit droht sie alle auffliegen zu lassen, schmieden sie den Plan ihn umzubringen.
Mit seinen 628 Seiten ist der Roman mindestens 200 Seiten zu lang. Bereits nach der Hälfte der Geschichte sind die Morddetails bekannt. Die zweite Hälfte des Buchs handelt dann von der Spurensuche durch die Polizei, von dem psychischen Druck, der dabei auf den Studenten liegt, von der Beerdigung Bunnys und den Drogenproblemen einiger Bekannter. Die Geschichte ist eigentlich schnell erzählt und die Umstände des Mordes sind schon früh klar. Wie kann es also sein, dass dieses Buch, welches bereits 1992 erschienen ist, auch heute noch so gerne gelesen wird?
Zum einen liegt das wohl am ausgefeilten Stil Donna Tartts mit ihren opulenten, detailreichen Beschreibungen und ihrem Sinn für Poesie. Zum anderen liegt es bestimmt auch daran, dass man dem Buch nachsagt, den „Dark Academia“-Stil wesentlich geprägt zu haben. Dunkle Holzmöbel, Vintage-Kleidung in gedeckten Farben, Glorifizierung der klassischen Bildung und das Lesen alter Bücher bei Kerzenschein prägen diese Ästhetik. Filmbeispiele aus diesem Genre wären „Dead Poet Society“ (1989) mit Robin Williams oder „Die purpurnen Flüsse“ (2000) mit Jean Reno. Besonders in der Coronazeit war diese Subkultur auf den Sozialen Medien wohl populär und so habe ich mich auch von Booktok davon inspirieren lassen dieses Buch zu lesen. Das war kein schlechter Vorschlag, aber Donna Tartt’s „Secret History“ ist auch weit davon entfernt mein Lieblingsroman zu werden.
