Ein Song-Konfuzianer in Venedig

Vom 21.-25. Juli veranstaltete die European Association for Chinese Studies (EACS) eine Konferenz in Venedig und ich hatte das Glück mit von der Partie sein zu dürfen.

So flog ich in die Stadt, deren Wappen- und Symboltier seit jeher der geflügelte Löwe ist, der unter seiner Pfote die geöffnete Heilige Schrift hält. Er steht für Markus den Evangelisten, dessen Reliquien venezianische Kaufleute 828 aus Alexandria gestohlen haben und über denen später der Markusdom errichtet wurde.

Dann veröffentlichten Forscher auf einer ähnlichen Konferenz vor zwei Jahren eine brisante Hypothese: der berühmte venezianische Löwe auf dem Markusplatz war ursprünglich die Statue einer chinesischen Grabwächterfigur, nämlich eines Zhènmùshòu (镇墓兽). Solche Figuren waren vor allem in der Tang-Dynastie (609–907 n. Chr.) sehr beliebt und so fand die Statue möglicherweise ihren Weg über die Seidenstraße bis nach Venedig. Marco Polo scheidet als Importeur aus, da die Statue schon auf ihrer Säule stand, als er 1295 heimkehrte. Weniger bekannt ist, dass sein Vater und sein Onkel zwischen 1264 und 1266 ebenfalls am mongolischen Hof gewesen sein sollen. Jedoch trugen diese chinesischen Geistergestalten furchteinflößende Hörner, die man im venezianischen Modell entfernt hat. Noch heute können Experten die Bruchstellen erkennen. Außerdem wurden die Flügel und das Buch hinzugefügt.

Für unsere Konferenz hätte es kaum ein passenderes Wahrzeichen geben können! Auf dem malerischen San-Giobbe-Campus gleich neben der Altstadt Venedigs, schwelgten wir in Vergangenheit und Gegenwart Chinas. Während Martin Kern in seiner Keynote-Speech davon sprach, wie die chinesische Antike immer wieder erneut uminterpretiert und neu gedeutet wurde, schaukelten Gondolieri mit schwarz lackierten Gondeln den perfekt restaurierten Canal Grande hinunter.

Mein eigener Vortrag galt Song-zeitlichen Beamten zwischen Buddhismus, Daoismus und Neokonfuzianismus. Konfuzianer wie Ouyang Xiu und seine Zeitgenossen waren in ihren offiziellen Ämtern nämlich häufig dazu gezwungen Rituale zu organisierten, die sie selbst eigentlich ablehnten. In meinem Vortrag wollte ich dem inneren Konflikt nachgehen, den diese Gelehrten mit Sicherheit gespürt haben mussten.

Chinesische Geistesgeschichte wischen Tintoretto, Dogenpalast und Lagune. Und beim Anblick des geflügelten Löwen kann man nur schmunzeln: Made in China since 1270 😉