250ste Jubiläum der USA

Liebe USA, mit gebührender Verspätung nachträglich und nachdenklich alles Gute zum 250sten Jubiläum!

Ein Vierteljahrtausend hast du jetzt auf dem Buckel. 20mal länger als das germanische Tausendjährige Reich je gedauert hat und doch bist du im Vergleich der Nationen noch richtig jung und knackig. Die Ming-Dynastie in China währte 276 Jahre, die Qing 268, die Han sogar 422 Jahre (mit kleinen Ruhepause). Trotz deines geringen Alters, ist kein Staat der Erde häufiger nachgeahmt, beneidet und verflucht worden.

1776

Als du am 4. Juli 1776 in Philadelphia zur Welt kamst, hätte niemand gedacht, dass mal sowas aus dir wird. Du warst ein Winzling, nur ein paar Millionen Einwohner ohne richtiges Militär, keine Industrie und abhängig vom Export. Ein hilfloses, kleines Experiment am Rande der Welt. Auf deiner Geburtsurkunde stand, dass alle Menschen gleich geschaffen seien. Da haben wir Europäer uns damals ja schlapp gelacht und waren dann auch wenig nicht erstaunt, über die haarsträubend mangelhafte Anwendung der hohen Ideale. Aber ein Gemeinwesen, das mit einer Behauptung beginnt, muss sich auch an ihr messen lassen. Also lass uns an deinem Geburtstag die Vergangenheit ein wenig an uns vorbeiziehen.

1826

Also dein 50igster hat einfach so krass geballert, dass es zwei deiner Gäste voll aus den Latschen gerissen hat. Auf den Tag genau starben die beiden großen Verfasser der Unabhängigkeitserklärung Thomas Jefferson und John Adams. Dass deine Gründer sich an deinem Jubeltag verabschiedeten ist schon ein stilvoller Abgang.

1876

An deinem hundertsten Geburtstag bist du schon richtig groß geworden und hast dich bis zum Pazifik ausgedehnt. Dabei trugst du deinen Widerspruch weiter mit dir herum: Du beriefst dich auf die Gleichheit aller und hieltest zugleich Millionen Menschen in Ketten. Diese innere Spannung hat dich ja auch selbst beinahe zerrissen. Zwischen 1861 und 1865 hast du einen Bürgerkrieg geführt, der mehr als 600.000 Menschen das Leben kostet. Als du dann 1876 hundert wurdest, hattest du die Sklaverei abgeschafft.

1926

Zum deinem hundertfünfzigsten fanden wir dich als Weltmacht wieder. In kaum einer Generation warst du vom Bauernland zur größten Industrie der Erde geworden; Eisenbahnen durchzogen dich, und Namen wie Carnegie und Rockefeller standen für einen Reichtum und eine Ungleichheit, die man dein „goldenes Zeitalter“ nannte. Über Ellis Island strömten Millionen zu dir und machten dich zu dem seltsamen, großartigen Gemisch, das du bis heute bist. Der „melting pot“, die „salad bowl“, eben jenes Land, dass sich nicht aus der Herkunft verstand, sondern aus der Ankunft.

1976

Der Weg bis zu deinem zweihundertsten war dann nochmal richtig übel. Auf den Rausch deiner Zwanzigerjahre folgte 1929 der Absturz. Kaum erholt, ging es auch schon in den Zweiten Weltkrieg. Nun warst du endgültig als „Main Act“ auf der Bühne der Welt angekommen: Aus den Trümmern von 1945 gingst du als eine von zwei Supermächten hervor, im Besitz einer Waffe, deren Schatten über allem lag.
Als Führer der „freien Welt“ führtest du in dieses Jahren wieder einen Kampf mit dir selbst. Deine Bürgerrechtsbewegung hielt dir deinen eigenen Gründungssatz vor Augen und zwang dich, das Versprechen der Gleichheit endlich einzulösen. 1969 setztest du einen Menschen auf den Mond. Aber als du 1976 zweihundert wurdest, stecktest du mit beiden Beinen tief in den Sümpfen Vietnams.

2026

Aber dann, im letzten halben Jahrhundert bis heute, nochmal ein Triumph, wie es ihn selten gab. Mit dem Fall der Mauer 1989 und dem Ende der Sowjetunion schien dein langer Wettstreit endlich entschieden. Das digitale Zeitalter brach heran und englisch wurde zu einer globalen Weltsprache. Dann aber geschah der 11. September 2001 und erschütterte dein Selbstvertrauen nachhaltig. Die Kriege, die folgten, die Finanzkrise von 2008, die inneren Spaltungen, all das zehrt an dir. Im Osten erhebt sich langsam ein Ebenbürtiger: der Aufstieg Chinas stellt die Frage, ob das 21. Jahrhundert noch dir gehören wird.
In jüngster Zeit verhältst du dich so komisch, dass deine Freunde dich nicht wiedererkennen. Manchmal scheinst du wie ausgewechselt. Ob dir die Medizin aus dem Silicon Valley, die du in letzter Zeit so häufig nimmst, wirklich so gut tut ist zweifelhaft. Aber wir wissen: „Wo die Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ (Hölderlin).

Kann man dir nochmal 250 Jahre wünschen? Also wenn du dich auf deine Ideale zurückbesinnst vielleicht schon. Zu mindestens aber deinen Bürgern wünsche ich das allerbeste. Eine höhere Lebenserwartung, Wohlstand, Friede und eine saubere Umwelt.

Grüße aus Trier, dem ehemaligen Juwel des Römischen Reiches, der ältesten Stadt Deutschlands und lebender Beweis, dass man glücklich zwischen den Ruinen einer einstigen Supermacht leben kann.