Energie und KI

Vielleicht werden manche Aufgaben dem Gehirn vorbehalten bleiben. Nicht, weil Maschinen sie nicht lösen könnten, sondern weil sie es nie so sparsam tun werden.

Die paar Kalorien, die das Organ zwischen unseren Ohren am Tag verbrennt, wirken geradezu lächerlich neben dem Energiehunger moderner Computerchips. In Jahrmillionen auf Effizienz geschliffene Denkorgane, schlagen jedes Rechenzentrum, das dasselbe in Schaltkreisen nachbaut. Es geht nicht um Können, sondern um Kosten. Die Frage ist also nicht, ob Silizium das Denken übernimmt, sondern wo es sich überhaupt lohnt. Vielleicht bleibt die klassische „Wetware“ (nicht Hard- und Software) die effizientere Rechnung.

Außerdem muss die gesamte Wertschöpfungskette in den Blick genommen werden. Bei dieser „thermodynamischen“ Betrachtungsweise der Intelligenz sehen wir vom Menschen als alleinigem oder besonders bevorzugtem Träger von Intelligenz ab.

Organische Intelligenz wird mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen befeuert, deren Herstellung wir seit Menschengedenken optimieren. Sonnenlicht trifft auf ein Blatt, wird in chemische Energie übersetzt, wandert durch Böden, Wurzeln, Tiere, Verdauungstrakte und endet schließlich in einem Gedanken. Jeder Schritt dieser Kette ist dezentral, selbstreparierend, selbstreproduzierend. Der Fluss fließt nicht, die Biene bestäubt nicht, der Bauer pflügt nicht, damit gedacht werden kann, und doch geschieht das alles im selben Kreislauf.

Im Gegensatz dazu ist jede KI auf hochkonzentrierte Energie angewiesen, die sie bis jetzt nicht ansatzweise selbst extrahieren kann. Sie steht nämlich am Ende einer ganz anderen Wertschöpfungskette: Uran muss aus der Erde gerissen und Kohle verbrannt werden. Silizium wird in Reinräumen gezüchtet und Kupfer um den halben Globus geschifft. Jeder Token ist letztendlich Stück verbrannte Vorzeit. Lebensenergie, die vor 300 Millionen Jahren konserviert wurde, freigesetzt für die banalsten Antworten auf heutige Fragen.

Damit tritt auch der zweifache Vergangenheitsbezug der KI zu Tage: einerseits bezieht sie ihre existenzerhaltende Energie aus frühester Vorzeit, andererseits bestehen alle ihre Fähigkeiten aus Versatzstücken des vorher vom Menschen gedachten.

Die unbequeme Bilanz: Organische Intelligenz ist solar und denkt zukunftsorientiert. Künstliche Intelligenz ist fossil und berechnet Konserven.

Wer also vom Zeitalter der künstlichen Intelligenz spricht, muss hinzufügen, dass es sich um ein Zeitalter geliehener Energie handelt. Geliehene Zeit kennt bekanntlich nur eine Richtung und jede Intelligenz, ob organisch oder künstlich, ist nur so nachhaltig wie die Energie, die sie trägt.

Seit mehreren Zehntausend Jahren hat sich das menschliche Gehirn nicht nennenswert evolutionär weiterentwickelt. Die Gründe dafür sind nicht lückenlos erforscht, aber man geht davon aus, dass einerseits die Breite des Geburtskanals die Gehirngröße unserer Säuglinge limitiert und andererseits die Energiebilanz unseres Körpers enge Grenzen setzt. Das Gehirn verbraucht beim Erwachsenen 20 % der Energie, beim Säugling oft noch viel mehr. Organische Intelligenz schien bisher einen biologischen Preisdeckel zu haben, der auf den ersten Blick für KI nicht gilt. Das ist aber nur so lange der Fall, wie die energetische Rechnung von jemandem anderen übernommen wird. Wenn die KI unter evolutionären Bedingungen mit dem Gehirn konkurrieren muss, wird sich ihre Ineffizienz als Überlebensnachteil herausstellen.

Vielleicht wird sich am Ende doch zeigen, dass das beste Denken nicht in Serverfarmen geschieht, sondern weiterhin dort, wo es immer schon geschah: in den Hirnwindungen zwischen unseren Ohren.