
Yukio Mishima hat sich zeitlebens dafür geschämt den Zweiten Weltkrieg überlebt zu haben. Zu schwach und schmächtig, um eingezogen zu werden, versteckte er sich auf dem Land, während seine Kameraden ihr Leben ließen. In der Nachkriegszeit wird er zu einem von Japans größten Schriftstellern, aber der selbst empfundene Makel lässt ihn nicht los. Er betreibt einen intensiven Körperkult und trainiert leidenschaftlich. In seinem Essay „Sun and Steel“ schreibt er: „Als mein Körper Muskeln und in Folge Stärke erlang, wurde in mir graduell eine positive Akzeptanz des Schmerzes geboren. Mein Interesse an physischem Leiden vertiefte sich.“ Als der Tenno nach dem Zweiten Weltkrieg auf seinen Anspruch der Göttlichkeit verzichtet, stürzt Mishima in eine Sinnkrise. So nimmt er den Kampf gegen die Verwestlichung Japans auf, bei der die eine altehrwürdige Kultur nur durch oberflächlichen Materialismus zersetzt werde. 1969 legt er in „Verteidigung einer Kultur“ sein politisches Weltbild dar. Ein Jahr später hatte er genügend Anhänger versammelt, um bewaffnet eine Garnison der japanischen Selbstverteidigungskräfte zu stürmen. Auf der Balustrade des Gebäudes stehend hielt er eine Rede, in der er die versammelten Soldaten auffordert, ihm Gefolgschaft zu leisten und ein von den USA unabhängiges Militär aufzubauen. Anschließend beging er rituellen Selbstmord durch Seppuku.
Neben seiner Verehrung von Körperkraft, Militarismus, Tod und Schmerz ist seine Homosexualität das zweite große Thema von Mishimas Werk. Sein Roman „Bekenntnisse einer Maske“ trägt stark autobiographische Züge und handelt davon, wie die jugendliche Hauptperson in der restriktiven Gesellschaft Japans während der Nachkriegszeit seine Homosexualität entdeckt.
Der schwächliche Kochan wächst abgeschieden unter Obhut seiner Großmutter auf. Früh bemerkt er seine Andersartigkeit, will sie aber nicht wahrhaben. Er versucht krampfhaft sich in das Mädchen Sonoko zu verlieben, scheitert aber letztendlich. Trotz der Erkenntnis, dass er keine Frau lieben kann, sind die gesellschaftlichen Normen im damaligen Japan so restriktiv, dass er sich entscheidet, seine Präferenzen nicht offen zu zeigen und stattdessen mit einer sozial-konventionellen Persona aufzutreten.
Hier sei der kleine Exkurs erlaubt: die Etymologie des Begriffs „Person“ ist zwar umstritten, aber die verbreitetste Theorie besagt, dass das Wort von dem Lateinischen „persona“ stammt, was ein Fachbegriff für die Maske eines Schauspielers war.
Der Roman wurde kontrovers diskutiert, war aber auch ein großer Erfolg. Über Nacht wurde der 24-jährige Yukio Mishima im ganzen Land berühmt und war damit, anders als die Hauptperson des Romans, kein verkappter Homosexueller.
Als ich in Tokyo war, wollte ich den Ort besuchen, an dem Mishima starb. Heute befindet sich dort immer noch eine Militäranlage, aber theoretisch auch ein kleines Museum. Ich lief an mehreren schwer bewaffneten Soldaten vorbei, um zum Eingang zu gelangen, wo man mir in gebrochenem Englisch und mit Händen und Füßen erklärte, dass man für das Museum eine Online-Anmeldung benötigt. So musste ich leider umkehren.

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