
Milwaukee im Jahr 1932, während der Prohibition und der Tiefphase der Great Depression. Al Capone sitzt bereits im Gefängnis und selbst für Kleinkriminelle brechen harte Zeiten an. Auch der Privatdetektiv Hicks McTaggart, der seinen Lebensunterhalt ursprünglich damit verdiente im Auftrag von Arbeitgebern streikende Gewerkschaftsmitglieder zu verprügeln, muss sich nach neuen Einnahmequellen umschauen, denn auch die Zeiten der großen Gewerkschaftsaufstände sind vorbei.
Obwohl die Prohibition immer noch in vollem Gang ist, wird in den Spelunken und Speakeasys kräftig gebechert und fremdgegangen. Viele Kollegen, Auftraggeber und zu beschattende Personen betreten die Bühne und Pynchon nimmt sich viel Zeit, um die Atmosphäre der 1930iger wiederaufleben zu lassen. Obwohl der Roman zunächst den Eindruck erweckt in einem historischen Setting zu spielen, wird allmählich klar, dass die beschriebene Welt auch von fantastischen Strängen durchzogen ist. So taucht immer wieder ein U-Boot der kuk-Monarchie im Lake Michigan auf, welches mit einer Bowlingbahn an Bord ausgestattet ist und eigentlich nach dem Ersten Weltkrieg verschrottet hätte werden sollen, aber jetzt zum Schmuggeln von Alkohol verwendet wird.
Über Umwege gelangt Hicks an einen verhängnisvollen Auftrag: Er soll Daphne Airmont finden, die mit ihrem Freund, dem Swing-Klarinettisten Hop Wingdale nach Europa geflohen ist, und sie zurück in die USA bringen. Daphne ist die Tochter von Bruno Airmont, dem Al Capone des Käses und berühmten Kopf eines international agierenden Käsesyndikats. In jüngeren Jahren machte er seinen Erfolg mit dem nie verschimmelnden radioaktiven Käse Radio-Cheez, der mittlerweile jedoch von der Gesundheitsbehörde verboten wurde.
Hicks verfolgt Daphnes Spur nach Budapest. Im damaligen Ungarn fiel die nationalsozialistische Ideologie auch auf fruchtbaren Boden und in verschiedenen Szenen gerät Hicks mit Nazis und rechten Sympathisanten in Kontakt. Immer wieder wird auch auf die Vorgänge in Deutschland referiert. Schließlich stellt Hicks Daphne zur Rede und es stellt sich heraus, dass letztere bereit ist in die USA zurückzukehren, aber nur unter der Bedingung, dass Hicks ihren Jazz-Musiker Freund rettet, da dieser inzwischen entführt wurde. Mit der Unterstützung einiger Freunde gelingt es Hicks letztlich den Freund aus den Fängen der rechtsradikalen Vladboys zu retten.
Derweil durchziehen immer wieder subtile Formen der Magie die Geschichte, bei der bis zum Schluss nicht klar ist, ob es sich nicht doch nur um Taschenspielertricks und Verwirrtheiten handelt. Apportisten, die Dinge erscheinen und verschwinden lassen und allerlei okkulte Verschwörer treten auf.
Am Ende reisen Daphne und ihr Freund zurück nach Amerika, wo jedoch gerade ein Staatsstreich geschieht und Präsident Roosevelt von General MacArthur aus dem Amt geputscht wird. Hicks dagegen bleibt in Europa. Über seine Zukunft werden wir bewusst im Unklaren gelassen und das letzte Kapitel beinhaltet einem Brief, den ein ehemaliger, jüngerer Kollege an Hicks schreibt. Darin berichtet er davon, dass er die Arbeit als Privatermittler fortsetzt und lässt von vielen anderen Freunden grüßen.
„Schattennummer“ ist ein wirres Sammelsurium grotesker Einfälle voller fantasievoller Nebensächlichkeiten und bis ins letzte Detail recherchierte Belanglosigkeiten, deren Beschreibung in weit schweifenden Bögen von der Haupthandlung abweicht, bevor sich der Erzählstrang, nebst einiger dekorativer Elemente, wieder dem Privatdetektiv Hicks McTaggart zuwendet. Als ich zu lesen begann, hatte ich einen „film noir“ Detektivroman erwartet. Dementsprechend war ich vom künstlerischen Stil Pynchons ziemlich überrempelt. Hat man sich aber einmal daran gewöhnt, liest sich der Roman relativ flüssig. Was bleibt ist Pynchons merkwürdige, aber einzigartige Art zu erzählen, mit so vielen fulminanten Sprüchen, dass man am Ende gar nicht mehr weiß, was eigentlich passiert. Dazu kommen Zeitsprünge, schnelle Szenenwechsel und eine Vielzahl an Textgattungen, wie z.B. Songlyrics, Briefe, Werbeslogans, etc. die alle wild zusammengemischt werden. Es war auf jeden Fall ein Erlebnis dieses Buch zu lesen und zum Schluss hat es mich auch nicht mehr losgelassen. Andererseits werde ich wahrscheinlich in nächster Zeit kein weiteres Werk von Thomas Pynchon lesen, vor allem, weil „Schattennummer“ eines seiner zugänglicheren Bücher sein soll.
