
„Schwobamaxxing“ ist eine Zusammensetzung aus „Schwoba“ (= umgangssprachlich für „Schwaben) und „maxxing“ (= Internetslang für optimieren, auf die Spitze treiben). Der Begriff beschreibt einen noch nicht existierenden viralen TikTok-Trend bei dem schwäbische Lebensgewohnheiten voll ausgelebt werden und das Ländle malerisch in Szene gesetzt wird. Vor kurzem ging der Hashtag #Chinamaxxing tatsächlich in den sozialen Median viral und da wurde mein Schwabenstolz geweckt. Wenn schon die chinesischen E-Autos unseren schwäbischen Verbrennern davonfahren, dann brauchen wir doch wenigstens auch ein bissle #Schwobamaxxing !
Die heutige schwäbische Identität ist stark geprägt von Ereignissen und kulturellen Erzeugnissen der letzten paar Jahrhunderte. Obwohl sie sich vorletztes Jahr zum 500sten Mal jährten, spielen die Bauernaufstände von 1524 für das Selbstverständnis des Schwaben heute eine untergeordnete Rolle.
Für gewöhnlich steht eher der klassische Schwabe im Mittelpunkt mit Tracht und Teigwaren, der sich bauernschlau über die „da oben“ lustig macht. Der gewiefte Tüftler, der sparsam bis geizig seine Spätzle futtert und für den jede Unregelmäßigkeit bei der Kehrwoche für Schnappatmung sorgt. Nur manchmal, wenn z.B. Wasserwerfer eines Unrechtsregimes das Augenlicht eines Mitbürgers zum Erlöschen bringen, erinnern sich die Schwaben an das kulturelle Erbe des „Armen Konrad“ (1514) und proben den Aufstand. Da keine dieser Erhebungen von Erfolg gekrönt waren, hatten sie auch nur einen eingeschränkten Einfluss auf die schwäbische Identität. Deshalb stellen wir uns den heutigen Schwaben eher vor, wie einen gemütlichen Bewohner des Auenlands, statt einem streikwütigen Franzosen.
Eckpunkte bei der Erzeugung einer schwäbischen Identität waren sicherlich:
- Die Erzählung von den „Sieben Schwaben“ aus den Märchen der Gebrüder Grimm, bei dem die Schwaben aber wenig ruhmreich als einfältige Tölpel dargestellt werden, die selbst einen kleinen Hasen für einen gefährlichen Drachen halten.
- das Bändchen ‚Deutschland, Deine Schwaben‘ des Mundartdichters Thaddäus Troll (1914-1980)
- das Komiker-Duo „Häberle und Pfleiderer“, welches ab den 30igern und bis in die 70iger Jahre hinein das Bild des Schwaben prägten. Man könnte fast sagen, dass die heute sehr beliebten Auftritte von „Hannes und der Bürgermeister“ als Nachfolger der obigen gelten können.
- und natürlich das „Äffle und Pferdle“ (ab 1959) mit kurzen Sketchen und dem unvergesslichen Hafer-und-Bananen-Blues vom SWR
Das ist natürlich bei weitem keine abschließende Aufzählung, aber eigentlich zeigen diese Beispiele wie die Regionalkultur stark in der Kunstform der Komödie verankert ist. Kann man sich über den Schwaben eigentlich nur lustig machen?
Schwierig… jedenfalls zeigt es, dass Mundart und Dialekt in der „Hochkultur“ kaum vorkommen. Es ist zwar nicht auszuschließen, dass eine schwäbische Tragödie im Staatstheater Stuttgart läuft, eine Oper auf Schwäbisch gesungen wird oder Gedichte auf Schwäbisch rezitiert werden, aber wahrscheinlicher ist, dass man eine lustige, seichte Komödie, bestenfalls ein gehaltvolleres, spöttisches Kabarett bekommt.
Dieses Phänomen, dass sich Regionalkultur unter dem Druck einer nationalen Identität (ordentlich „Deutsch“ zu sein) in die Gefilde der Komödie oder der Folklore zurückzieht, betrifft aber nicht nur das Schwäbische.
Die „Projektgruppe Schwabenbilder“ (von der Uni Thübingen, 1997) beschäftigte sich ausgiebig mit der Schaffung des heutigen Schwabenbildes. Sie schreiben z.B. davon, dass das Stereotyp der besonderen Sparsamkeit des Schwaben daher rührt, dass das Ländle sich erst sehr spät industrialisierte und davor lange Zeit bittere Armut herrschte. Es wird davon berichtet, wie im 19. Jahrhunderte Volkfeste eingeführt und Denkmale errichtet werden, um eine regionale Identität zu verwurzeln. So heißt es im Bezug auf das Mausoleum für Königin Katharina auf dem Rotenberg, welches natürlich auch ich bei deinem Schulausflug besuchte:
[Die Innschrift] über dem Hauptportal war Abschiedsgruß und Zukunftsversprechen zugleich, nützlich für die Konsolidierung der Monarchie, ein Wallfahrtsort für Königstreue und ein Ziel für Konfirmationsausflüge, ein Initiationsritus, der einen zum Schwaben macht.“ (S. 10)
Aber was heißt überhaupt Authentizität in einer sich ständig wandelnden Kulturlandschaft? Was ist die Rolle des Ländle in einer zunehmend globalisierten Welt? Fühlt sich der Schwabe nutzlos, wenn die Kehrwoche von Robotern erledigt wird? Auch angesichts der Automobilkrise, die das schwäbische Selbstverständnis des Technologieführers in Frage stellt, gilt es neu auszuloten was „schwäbisch sein“ überhaupt bedeuten kann.
Der Einfluss der klassich-griechischen Kultur auf mich ist also stark genug, dass ich beim #Schwobamaxxing zunächst innehalten muss. Selbstkritisch auch ohne die Äagais vor Augen frag ich mich: So viel gschwätz und gar nix g’sagt, was maxxe’mer denn jetzt?
Über Vorschläge wäre ich sehr dankbar…
