
Zunächst wendet sich die Psychologie-Professorin Lisa Feldman Barrett gegen die klassische Auffassung wonach Emotionen angeboren und universell sind. Ausgangspunkt ihrer Überlegung ist, dass es Forschern nicht gelungen sei den biologischen Fingerabdruck von Gefühlen zu finden. Weder durch Herzrate, Hautleitfähigkeit oder Atemfrequenz, noch durch eindeutige neuronale Aktivitäten im Gehirn.
Stattdessen, so ihre These, werden Emotionen konstruiert. Das Gehirn ist kein passiver Empfänger von Sinneseindrücken, sondern interpretiert seine Umgebung am laufenden Band, inklusive unserer Körperzustände. Demnach sind viele „psychische“ Zustände stoffwechselbedingt mit verursacht. Ein flaues Gefühl im Magen kann, je nach Kontext und Vorerfahrung, interpretiert werden als „ich habe Hunger“ oder als „ich werde krank“, vielleicht sogar „ich bin depressiv“. Dabei bleibt der Körperzustand derselbe, nur die Interpretation unterscheidet sich.
Das eingängige Beispiel, das die Autorin dafür wählt, ist ein Date, bei dem sie zunächst nicht besonders von ihrem Gegenüber begeistert war. Überraschenderweise wurde ihr dann noch plötzlich ganz warm ums Herz und sie verabschiedete sich mit einem Kribbeln im Bauch. In derselben Nacht erkrankte sie ganz fürchterlich, hatte Fieber und Schüttelfrost. Im Nachhinein, so die Autorin, lasse sich das Gefühl des Verliebtseins auf eine Fehlinterpretation ihrer Krankheitssymptome zurückführen.
Die Art wie wir unsere Gefühle empfinden hängt also auch davon ab, wie wir sie konstruieren und steht damit im Zusammenhang mit unserer Verwendung von Sprache und den kulturell akzeptierten Ausdrucksformen von Emotionen. Jemand der ein reiches Vokabular zur Bestimmung seiner Gefühlswelt hat, verfügt über feinere „emotionale Granularität“ als jemand dem es sofort die Sprache verschlägt.
Die Konsequenz dieser Ansicht ist, dass der Mensch nicht als reaktives Tier wahrgenommen wird, das nur auf externe Reize anspringt, sondern aktiver Konstrukteur der Realität. Die Grenze zwischen Gehirn und Welt ist durchlässig: das Hirn erschafft die „Welt“ als Abstraktum und umgekehrt beeinflusst die Welt das Hirn. Das bedeutet aber auch dass man ein Stück weit verantwortlich ist für die verinnerlichten Konzepte, die die Gefühle formen. Als Erwachsener kann man gezielt neue Konzepte erlernen (z.b. Mitgefühl, Neugier oder Geduld), um zukünftige emotionale Konstruktionen zu beeinflussen.
Das Buch ist teilweise repetitiv, was den Wiedereinstieg nach einer längeren Lesepause zwar erleichtert, aber beim schnellen Durchlesen oft zu redundant wirkt. Außerdem bleiben einige Schlüsselkonzepte unterdefiniert, wie z.B. das „body budget“, quasi der Energiehaushalt des Körpers, mit dem Barrett oft argumentiert. Daher ist das Buch an mancher Stelle zu geschwätzig und an anderer zu kurz geraten.
Aber wenn Barrett davon spricht, dass emotionale Meisterschaft erlernbar ist, dann lässt sich hier eine Brücke zum Konfuzianismus schlagen. Insbesondere der Denker Xunzi (荀子) betont, dass unsere menschliche Natur (xìng 性) nur Rohstoff für die bewusste Weiterentwicklung (wěi 偽) sei, die bewusste Arbeit am eigenen Erleben. Seine Devise lautet:
化性而起偽 《荀子·性惡》was man grob übersetzen kann als „Verändere deine natürliche Veranlagung und erhebe das Selbstgemachte“.
Dabei ist Konstruierte ist nicht das Unwahre. 偽 ist keine Fälschung, sondern genau die Leistung, mit der das Gute erst zur Blüte gelangen kann. Es geht auch nicht darum Gefühle zu unterdrücken, sondern ihnen die angemessene Form zu verleihen. Für Xunzi ist daher die ritualisierte Einübung von Gefühlsäußerungen von zentraler Bedeutung.
Im Gegensatz zu Xunzi bleibt Lisa Feldman Barrett neutral gegenüber der Frage, auf welches Ziel hin wir die Konzepte konstruieren sollen. Über das therapeutisch-pragmatische Wohlbefinden gelangt sie nicht hinaus. Bei Xunzi ist die Sache klar, denn das obige Zitat heißt nämlich vollständig:
故聖人化性而起偽,偽起而生禮義,禮義生而制法度;然則禮義法度者,是聖人之所生也。
„Daher verändert der Weise seine natürliche Veranlagung und erhebt das Selbstgemachte, hebt man das Selbstgemachte hoch, so entstehen Ritual und Gerechtigkeit, durch Ritual und Gerechtigkeit entstehen Gesetze und Maßstäbe. Ritual, Gerechtigkeit, Gesetze und Maßstäbe, sind alle durch die Weisen entstanden.“
Was bei Barrett schwammig „soziale Realität“ heißt, hat bei Xunzi einen konkreten Zweck: die gemeinsam geformte gesellschaftliche Ordnung, in der Gefühle angemessen ausgelebt werden können.
