
Heute vor 100 Jahren wurde Michel Foucault geboren, vor 42 Jahren starb er. Obwohl er testamentarisch verfügt hat, dass keine posthumen Publikationen erscheinen sollen, wurde dieses Jahr „Hermaphroditen“ bei Suhrkamp veröffentlicht. Lange haben sich die Erben an den Wunsch Foucaults gehalten, doch mit der Zeit wurden die Grenzen aufgeweicht. Zuerst wurden die Vorlesungen veröffentlicht, mit dem Argument, dass es ohnehin Mitschnitte und Aufzeichnungen gab, dann gab es 2018 den vierten und abschließenden Teil von „Sexualität und Wahrheit“, der aber nahezu fertig formuliert war und pünktlich zu seinem Jubiläum erscheint jetzt „Hermaphroditen“, ein Manuskript, das Foucault selbst längst aufgegeben hatte.
Wendet man die Methoden Foucaults auf sein eigenes Werk an, dann muss man fragen: welche Institutionen, Märkte und gesellschaftlichen Bedürfnisse haben dieses Werk erst hervorgebracht. Wie konnte das, was Foucault zum Ausdruck bringen wollte, gerade in jener Epoche plötzlich sagbar werden? Erst Im Klima der Schwulenbewegung, der 68er und der Bewegung für die Rechte von Gefängnisinsassen, wurden Foucaults Themen zu philosophisch legitimen Gegenständen.
Wie er selbst aber nicht müde wird zu betonen, war die sexuelle „Befreiung“ selbst keine anarchische Liberalisierung ohne Grenzen, sondern erzeugte einen eigenen Diskus mit Ein- und Ausschlüssen. In der Moderne wurde die Sexualität immer wieder thematisiert, ja zerredet. Dass also gerade jetzt, wo Inter- und Transgeschlechtlichkeit zu den großen Leitdebatten gehören, sein Werk „Hermaphroditen“ posthum erscheint, entspricht der „Ordnung des Diskurses“ und setzt den Mechanismus des Geständnisses fort.
„Alle meine Bücher, […], sind, wenn Sie so wollen, kleine Werkzeugkisten. Wenn die Leute sie aufmachen und sich irgendeines Satzes, einer Idee oder einer Analyse wie eines Schraubenziehers oder einer Bolzenzange bedienen, um die Machtsysteme kurzzuschließen, zu demontieren oder zu sprengen – einschließlich vielleicht derjenigen, aus denen meine Bücher hervorgegangen sind – nun gut, umso besser.“
(Foucault, Michel: Von den Matern zu den Zellen. Ein Gespräch [im Januar 1975] mit Roger-Pol Droit, in: Foucault, Michel: Mikrophysik der Macht. Über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin, Übersetzt von Hans-Joachim Metzger. Berlin : Merve, 1976, S. 53.)
In dieser Metapher kommt ein Grundproblem des foucaultschen Denkens zum Ausdruck. „kurzschließen“, „demontieren“ und „sprengen“ sind allesamt destruktive Tätigkeiten, die man einem ordentlichen Handwerker für Gewöhnlich nicht zuschreibt. Ganz im Gegenteil wird dieser häufig gerufen, um Dinge zu reparieren und in Stand zu halten. Bestenfalls um einen Gegenstand in den funktionierenden Status zurückzubringen, schlimmstenfalls um den Status-Quo zu sichern. Und an dieser Stelle bricht die Metapher, denn Foucault misstraut der Reparatur, zweifelt an einem idealen Zustand vollumfänglicher Funktionsfähigkeit. In „Überwachen und Strafen“ kritisiert er, dass die Gefängnisreform so alt ist wie das Gefängnis selbst und das der Ruf nach Reformen zum Funktionieren der Institution notwendig ist.
Foucault kann sich dem Vorwurf nicht entziehen, dass er implizit eine Ethik annimmt, die er explizit kaum begründen kann. Dagegen ist die Sache bei Xunzi klarer: 木受繩則直,金就礪則利 („Holz, das der Richtschnur folgt, wird gerade; Metall, das an den Schleifstein kommt, wird scharf“) Für ihn sind die Rituale (Li 禮) die geeignetsten Techniken der Selbstformung. Letztendlich hat man aber auch da das Problem, wer die Richtschnur anlegt, wie die Rituale entworfen sind, denn schließlich gilt die Natur des Menschen ungerade, grob und letztlich schlecht (xing’e 性惡).
Zwei Philosophen, eine Handwerker-Metapher. Der eine reißt ein, der andere baut auf. Beide kommen ohne Gewalt nicht aus … mhmm… es wäre spannend an dieser Stelle weiterzudenken, aber das wird Inhalt eines anderen Posts.
