
Die Rahmenhandlung der „Holländerinnen“ erzählt von einer bedeutenden, aber namenlos bleibenden Schriftstellerin, die eine Poetikvorlesung halten soll, die aber nicht fertiggeworden ist. Als sie vor die Studenten tritt, entschuldigt sie sich für das heillose Durcheinander mit der sie die Veranstaltung beginnt. Die Vorbereitung auf ihren letzten Roman habe sie an den Rand einer Schaffenskrise getrieben und jetzt könne sie nur unstrukturiert von ihren Ergebnissen berichten.
Damit beginnt der kurze, nur ca. 150 Seiten lange, aber unglaubliche dichte Roman. Der Rest der Erzählung ist mit wenigen Ausnahmen komplett in der indirekten Rede verfasst, also im Konjunktiv. Beispielsweise: die Autorin berichtete davon, dass sie an jenem Nachmittag ein Sandwich gegessen habe, woraufhin ihre Kollegin sie nach einer Tüte Chips fragte, die sie ihr aber nicht habe geben können, da sie selbst noch ihren Rüssel in den Tiefen der Tüte hängen gehabt habe. Man kann sich vorstellen, dass dieser Stil über die gesamte Erzählung hinweg zeitweilig sehr anstrengend sein kann. Manchmal wird auch eine dritte Ebene eröffnet, wenn die Autorin heute erzählt, dass eine Kollegin damals den Theatermacher habe sagen hören er sei mit der Situation zufrieden, während die Kollegin dem nicht hätte zustimmen können und die Autorin bis heute unsicher ist, was sie hätte tun sollen.
Was geschieht denn aber nun? Die Schriftstellerin wird von einem Theatermacher eingeladen an einem Projekt mitzuarbeiten, bei dem sie nach Panama fliegt, um das Verschwinden zweier Holländerinnen thematisch aufzuarbeiten und für ein Stück vorzubereiten. Das Buch basiert dabei auf einer wahren Begebenheit. 2014 sind zwei holländische Frauen in Panama beim Wandern verschwunden. Erst Monate später wurden ihre Leichen gefunden, aber was den zwei Touristinnen passiert ist bleibt unklar. Auf ihrem Handy konnten einige Bilder geborgen werden, aber sie stellen nur einige Äste, Pflanzen und den dunklen Himmel ab.
Im Buch lässt dieser Fall den Theatermacher nicht los, weshalb er ihn auf der Bühne nachstellen möchte. Zusammen mit einer Truppe an Schauspielern gehen sie Wanderroute der Holländerinnen ab und erleiden allerlei Strapazen. Ein Zitat von Werner Herzog wird der Geschichte vorangestellt und an einigen Absätzen fühlt man sich an seinen Film „Fitzcarraldo“ erinnert, bei dem es darum geht, dass ein Boot unter höchster Anstrengung mitten im Urwald über einen Berg gezogen werden muss. Mit dieser Dringlichkeit fordert auch der Theatermacher im Buch die Gruppe dazu an weiterzumachen und weiterzugehen. Aber bei einem Gewaltmarsch verliert die Autorin den Anschluss zur Gruppe und findet erst weit nach Einbruch der Dunkelheit allein ins Camp zurück. In diesem Moment der Angst und Verlorenheit wird ihr klar, dass sie das Projekt nicht beenden kann und deshalb packt sie ihre Sachen zusammen und reist zurück in die Zivilisation.
Das Buch ist bestenfalls „intellektualistisch“, schlimmstenfalls prätentiös und jedenfalls überladen von Referenzen. Ein Buch für Germanisten mit Verweisen auf Siegfried Kracauer, Walter Benjamin, das Tibetische Totenbuch, usw. Dazu kommt die verwirrende Multidimensionalität, die durch die indirekte Rede entsteht, sowie immer wieder auftretende zwischengelagerte Geschichten, die nur lose mit der Haupthandlung zusammenhängen.
Trotzdem hat „Die Holländerinnen“ den Deutscher Buchpreis 2025 gewonnen und ist daher in jeder größeren Buchhandlung als Stapelware vorhanden. Auf der einen Seite ist es begrüßenswert, dass ein so künstlerischer Roman auf diese Art und Weise geehrt wird. Auf der anderen Seite werden viele Leser, die das dünne Bändchen aufgrund des Buchpreises kaufen und einen Krimi im Dschungel-Setting erwarten, bitter enttäuscht werden. „Die Holländerinnen“ ist ein einmaliges und besonderes, aber kein leicht verdauliches Buch. Dafür braucht man nen starken Magen oder hinterher nen starken Schnaps.
