
Akutagawa, quasi der japanische H.P. Lovecraft, raubt seit über hundert Jahren mit düsteren, dem Wahnsinn nahen Kurzgeschichten den nächtlichen Schlaf.
Geboren im Jahr 1892 verlor der junge Ryunosuke früh seine Mutter an eine psychische Krankheit und wurde von einer Tante großgezogen. Diese Erfahrung prägte ihn zutiefst und sein ganzes Leben hindurch befürchtete er auch immer wieder selbst den Verstand zu verlieren. Schon als Kind lernte Akutagawa Englisch und wurde durch moderne Lehrer früh mit der literarischen Tradition des Westens vertraut gemacht. In dieser Hinsicht war er ganz ein Kind der Taisho Zeit (1912-1926), die in der (englischsprachigen!) Einleitung mit der Weimarer Republik verglichen wird. In dieser Zeit hatte Japan einen schwachen, kranken Herrscher, sodass es zu einer schleichenden Demokratisierung kommen konnte, das Parlament gewann an Macht und man gab sich weltoffen und dem Westen zugeneigt. In dieser Phase veröffentlicht Akutagawa, noch als Student an der Kaiserlichen Universität Tokyo, die ersten Kurzgeschichten. Längere Zeit war er als Journalist und Englischlehrer tätig, jedoch verschlechterte sich sein mentaler Zustand ab 1919 rapide. Während Japans offene Gesellschaft langsam zerfällt und Militarismus und Nationalismus um sich greifen, wird Akutagawa von Angstzuständen, Psychosen und Halluzinationen geplagt. Schließlich begeht er 1927 mit einer Überdosis Schlafmittel Selbstmord.
Viele seiner Werke griffen klassische Stoffe auf, die er modern interpretierte. So auch seine Kurzgeschichte Rashōmon mit der ihm 1915 der literarische Durchbruch gelang.
Die Geschichte spielt in einer, für ihre Endzeitstimmung bekannten Epoche der Vergangenheit Japans, nämlich der Heian-Zeit (794-1192). Im Dachstuhl eines verwahrlosten Eingangstors entdeckt ein arbeitsloser Diener achtlos entsorgte Leichenberge verarmter Mitbürger, die sich ein ordentliches Begräbnis nicht leisten konnten. Geschockt von dem Anblick, bleibt ihm fast das Herz stehen, als er eine Bewegung wahrnimmt. Dann stellt er aber fest, dass die Bewegung von einer älteren Frau verursacht wurde, die Leichen plündert, um aus den Haaren Perücken herzustellen, von deren Verkauf sie sich über Wasser halten kann. Sie stiehlt, um zu überleben.
Der Diener ist zunächst empört, erkennt jedoch, dass er sich selbst in keiner besseren Lage befindet. Schließlich raubt er die alte Frau brutal aus und flieht, um selbst zu überleben.
Das ist nur ein kurzer Einblick in die vielen, schaurigen Kurzgeschichten, die Akutagawa verfasst hat. Die Textsammlung deren englische Ausgabe hier abgebildet ist, wurde auch ins Deutsche übersetzt und ist im Luchterhand-Literaturverlag erschienen.

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