




Der Meiji-Schrein ist dem 122. Tenno von Japan gewidmet. Dieser hatte zwar auch einen Eigennamen, bzw. Vornamen, nämlich Mutsuhito (睦仁), aber heute wird er gemäß seiner Regierungsdevise Meiji-Tenno genannt. Er lebte von 1852 bis 1912 und unter seiner Herrschaft fand die grundlegende Modernisierung Japans statt, die auch unter dem Begriff „Meiji-Restauration“ in die Geschichte einging. Meiji (明治) setzt sich aus den Kanji bzw. chinesischen Schriftzeichen 明 für hell, aufgeklärt und 治 Regierung, Herrschaft zusammen.
Geht man durch den Haupteingang des Parkes, der zum Schrein führt, schreitet man unter Japans größtem hölzernen Torii-Tor (jap.: 鳥居) hindurch. Diese Eingangstore symbolisieren den Übergang vom Profanen zum Sakralen und sind charakteristisch für den Shinto-Glauben. Der Ursprung des Begriffs Torii ist unklar, aber auf Chinesisch bedeuten die Schriftzeichen so viel wie „Vogelsitz“. Die Vorstellung, dass beseelte Geistervögel auf dem Torii-Tor den Eingang zum Schrein bewachen, ist zwar verführerisch, aber vielleicht handelt es sich auch nur um eine phonetische Übertragung (Ateji). Die dicken Stämme, die das Tor formen, stammen interessanterweise von japanischen Zypressen, die Taiwan gewachsen sind.
Heute liegt der Schrein im Zentrum eines 70 Hektar großen Waldstücks. Befindet man sich in einem Moment noch inmitten einer lauten, blinkenden Großstadt, steht man im nächsten Augenblick in einem Waldgebiet mit kleinen Kieselwegen, die verschlungen zwischen altehrwürdigen Bäumen und Farnen hindurchführen. Ich hatte das Glück den Park zufälligerweise nicht über den Haupteingang zu betreten, sondern über einen kleinen Hintereingang, sodass ich für kurze Zeit sogar komplett allein durch diesen mysteriösen Wald spazieren konnte. Ein wirklich geschichtsträchtiger Erholungsort inmitten der Hauptstadt.
„phonetischen Übertragung (Ateji)“
Noch ein Wort zu der „phonetischen Übertragung (Ateji)“: bei diesem Vorgang werden chinesische Schriftzeichen bzw. Kanji nur aufgrund ihrer Aussprache zur Bezeichnung von Begriffen verwendet, ohne auf deren ursprünglich Bedeutung Rücksicht zu nehmen. Berühmtestes Beispiel ist der Berg Fuji, dessen Namen aus der Ainu-Sprache stammt, eines Volksstammes, der früher unabhängig von der japanischen Kultur existierte und heute hauptsächlich auf der nördlichen Insel Hokkaido lebt. Die Schriftzeichen für den Berg Fuji dagegen sind Fushi 富士, was als „ehrenwerter Gelehrter“ übersetzt werden kann.

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