Alishan

Tiefhängende Nebelschwaden, knorrige, alte Bäume mit armdicken Wurzeln, feucht schimmernde Farne und dunkelgrünes Moos. Verwunschene Märchenwälder zwischen hoch aufragenden Gebirgsformationen, das ist der Alishan (阿里山). 

Geformt hat sich das Gebirge vermutlich vor 4 bis 5 Millionen Jahren durch das Aufeinandertreffen der Philippinischen und der Eurasischen Platte. Eine spannungsvolle Beziehung, die noch heute regelmäßig für Erdbeben sorgt. Während die ersten Menschen vor ca. 7000 Jahren nach Taiwan zogen, verlieren sich die Ursprünge der, rund um den Alishan lebenden Indigenen, im Dunkeln. Die frühste historische Aufzeichnung über das sogenannte Tsou (鄒) Volk stammt von den Holländern aus dem Jahre 1647. Es handelte sich um ein gefürchtetes, kriegerisches Volk berühmt für die archaische Tradition der Kopfjagd. Dementsprechend war nicht nur die schwierige geographischen Lage dafür verantwortlich, dass das Landesinnere Taiwans lange Zeit außerhalb der Kontrolle der festlandchinesischen Qing-Dynastie lag. 

Nach 1945 wurde die Region als „Wufeng-Gemeinde (吳鳳鄉)“ bezeichnet, benannt nach dem gewieften chinesischen Händler Wu Feng. Er versuchte die Stämme des Alishan davon zu überzeugen die Kopfjagd aufzugeben, war aber nicht erfolgreich. Deshalb prophezeite er, dass ein Mann im scharlachroten Umhang durch den Wald geritten kommen wird und dass er der letzte sein wird, der seinen Kopf verliert. Tatsächlich kam ein solcher Mann dann angeritten, aber nachdem die Ureinwohner ihn vom Pferd gezogen und getötet hatten, stellte sich heraus, dass es sich um Wu Feng selbst handelte. Schockiert von ihrem Verhalten, entschied das Volk die grausame Tradition der Kopfjagd aufzugeben. 

Unter den Tsou galt diese Erzählung seit jeher als rassistisch, weil sie die kulturelle Überlegenheit der Han Chinesen unterstrich, während die Ureinwohner als primitiv und blutrünstig dargestellt wurden. Mit der Aufhebung des Kriegsrechts 1987 wurden daher die ersten Stimmen laut, die Gebirge umzubenennen und 1989 änderte man den Namen dann tatsächlich zu Alishan. 

Heute bin ich froh den berühmten Oolong-Tee aus der Region genießen zu können, ohne dass dafür irgendwem der Kopf abgeschlagen wird.

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