

Die Bock-Kasematten von Luxemburg wurden nie erobert. Trotzdem hat ihre Uneinnehmbarkeit das Land keinen Tag lang sicherer gemacht. Wenn ihr wissen wollt, was die Kasematten von Luxemburg mit dem daoistischen Klassiker, dem Daodejing (道德經) des Laozi zu tun haben, dann lest weiter.
Bei der französischen Belagerung 1794/95 hielten die Bock-Kasematten von Luxemburg dem Beschuss sieben bis acht Monate stand. Kanonen konnten aus der Deckung zurückfeuern, die Munition war sicher und ca. 1200 Soldaten konnten sich geschützt durch die engen Gänge und tief gegrabenen Kammern bewegen. Der Ursprung der Befestigungsanlage reicht aber viel weiter zurück. 963 gründete Graf Siegfried auf dem Bockfelsen die Burg „Lucilienburhuc“, die den Ursprung der Stadt Luxemburg bildet, die heutigen Kasematten kamen viel später. Zunächst beginnen die Spanier 1644 unterirdische Gänge anzulegen, in den 1680ern werden sie massiv ausgebaut. Tatsächlich kamen viele der besonders ikonischen Abschnitte der Befestigungsanlage erst im 18. Jahrhundert dazu, nämlich vor allem ab 1744/45.
Letztlich gelang es den Franzosen nie die Festung einzunehmen, aber das war auch gar nicht notwendig. Immer noch bis zu den Zähnen bewaffnet, aber ausgehungert, mussten die Soldaten kapitulieren. So fiel Luxemburg 1795 an Frankreich. Nach dem Wiener Kongress entstand das Großherzogtum Luxemburg, aber nicht als freier Kleinstaat, sondern quasi unter preußischer Führung. In der Belgischen Revolution von 1830/39 verlor Luxemburg zudem einen großen Teil seines Territoriums.
Erst mit dem Londoner Vertrag von 1867 wurde Luxemburg für neutral erklärt, die Preußen mussten abziehen und besonders interessant: Bedingung für die Neutralität war das Schleifen der Festung! Die oberirdischen Anlagen wurden zurückgebaut und was wir heute sehen, ist nur ein kleiner Bruchteil der ursprünglichen Festungsanlage.
Die interessanteste Lektion der Geschichte ist, dass die militärische Stärke Luxemburg nicht gerettet hat. Es war eine uneinnehmbare Festung, die nie von feindlichen Mächten erobert werden konnte. Trotzdem hat die Burg das Land nicht souverän gemacht, im Gegenteil: wer die Festung hielt, kontrollierte einen Schlüsselpunkt an der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich. Gerade deshalb wollten sie alle haben und keiner konnte sie dauerhaft halten.
Die Stärke der Festung ist also ein Paradox: sie schützt die Stadt vor einer schnellen Eroberung und macht das Territorium gleichzeitig so wertvoll, dass es sich politisch nicht lange kontrollieren ließ. Erst mit dem Schleifen der Festung und der politischen Neutralität konnte Ruhe im Land einkehren.
Der alte Meister Laozi war sich dieses Paradoxon schon lange bewusst. Was hier als politischer Widerspruch erscheint, hat Laozi zweieinhalbtausend Jahre früher in einem Bild gefasst. Wie hätte wohl die Geschichte Luxemburgs ausgesehen, wenn man sich an seinen Ratschlag gehalten hätte?
人之生也柔弱,其死也堅強。
萬物草木之生也柔脆,其死也枯槁。
故堅強者死之徒,柔弱者生之徒。
是以兵強則不勝,木強則共。
強大處下,柔弱處上。
„Der Mensch, wenn er ins Leben tritt, ist weich und schwach, und wenn er stirbt, so ist er hart und stark.
Die Pflanzen, wenn sie ins Leben treten, sind weich und zart, und wenn sie sterben, sind sie dürr und starr.
Darum sind die Harten und Starken Gesellen des Todes, die Weichen und Schwachen Gesellen des Lebens.
Darum: Sind die Waffen stark, so siegen sie nicht.
Sind die Bäume stark, so werden sie gefällt.
Das Starke und Große ist unten. Das Weiche und Schwache ist oben.“ (Übersetzung von Richard Wilhelm)
