Carpe Diem

Hat man sich blöd verhalten, blamiert oder wurde gar ungerecht behandelt, bietet das Gedankenexperiment, bei dem man sich vor Augen führt, dass wir alle in 100 Jahren tot sein werden, oft eine gewisse Erleichterung. Dann schwirrt einem das „Carpe Diem“ durch den Kopf und es wird klar, dass viele der alltäglichen Ängste und Sorgen auf lange Sicht nicht so ernst zu nehmen sind.

Die Rechnung lässt sich aber noch detaillierter betrachten: Wie wahrscheinlich ist es denn, dass ich, als 36-jähriger deutscher Mann noch 50 Jahre lang lebe? Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 79 Jahren, müsste ich sieben Jahre älter werden als der Durchschnitt. Dafür liegt die Wahrscheinlichkeit wohl nur bei 25-35%. Um eine exakte Zahl herzuleiten, bräuchte man eine vollständige Sterbetafel. Dann müsste man für jedes Jahr zwischen 36 und 86 die jeweilige Sterbewahrscheinlichkeit multipliziert und zu einer Überlebenskurve zusammensetzen.

Aber solche Berechnungen sind sehr fehleranfällig. Die sogenannten Sterbetafeln, die auch für Lebensversicherungen verwendet werden, könnten zwar exaktere Antwort liefern, aber dafür bräuchte ich erst wieder einen Crashkurs in Statistik 😉 Außerdem berücksichtigen auch sie den medizinisch-technischen Fortschritt nicht, sodass auch sie die Lebenserwartung eher zu gering einschätzen. Dennoch werde ich auch unter den besten Bedingungen nicht mit der Wahrscheinlichkeit eines Münzwurfs weitere 50 Jahre leben.

Nun soll man ja nicht immer nur Nabelschau betreiben. Deshalb die angrenzende Frage: wie viele von uns allen, werden überhaupt in 25 Jahren noch leben? Derzeit sterben jedes Jahr global ca. 65 Millionen Menschen. Multipliziert man das naiverweise mit 25 käme man auf ca. 1.625.000.000 Menschen. Setzt man das in Verhältnis zur aktuellen Weltbevölkerung bekommt man: 1.625.000.000 ÷ 8.300.000.000 ≈ 0,196 = 19,6%.

Diese Schätzung ist aber definitiv zu niedrig, denn die Frage ist ja, wie viele „von uns“ noch da sein werden! Wir betrachten also eine (theoretische) Gruppe von Menschen, in der keiner jünger ist als 25 und in der jeder heute 65-Jährige die 90 Jahre erreicht haben muss. Die neu hinzugeborenen fallen aus unserer Betrachtung ja raus. Wir rutschen also die Alterspyramide nach oben und natürlich hat das auch Auswirkungen auf die Sterbewahrscheinlichkeit. Eine verfeinerte, altersgruppengewichtete Rechnung käme wohl eher auf 25–30%.

All diese Zahlen sind nur grobe Richtwerte. Worauf es mir ankommt, ist der psychologische Effekt der Erleichterung und ob er genauso auftritt wie bei dem Gedankenexperiment mit den 100 Jahren? Wenn man sich auf der Betriebsfeier blamiert, hilft es einem dann zu wissen, dass ca. 1/4 bis 1/3 der Kollegen in 25 Jahren ohnehin tot sein werden?
Vor allem erinnert es daran, wie zerbrechlich, wandelbar und kurzlebige unsere menschlichen Beziehungen sind. Ständig brechen Knoten aus diesem Geflecht heraus, ständig kommen neue hinzu.