
In einem Nachruf auf den Klangvisionär Joachim Ernst Berendt schreibt „Die Zeit“, dass Berendt nach dem Zweiten Weltkrieg den Jazz nach Deutschland gebracht habe. Er leitete über vier Jahrzehnte von 1947-1987 die Jazzrektion des Südwestrundfunks und brachte in den 50igern „Das Jazzbuch“ heraus, welches das damalige Verständnis der Deutschen für diese Musikrichtung stark prägte. Gleichzeitig reist er häufig nach Indien, beginnt Weltmusik zu produzieren und beschäftigte sich viel mit Harmonie, Schwingungen und deren physikalische Ursprünge und mentale Bedeutungen. So entstand 1983 sein berühmtestes Werk „Nada Brahma- Die Welt ist Klang“. Noch heute kann man sich die begleitende Radiosendung auf Youtube anhören und bekommt damit die vielen Klangbeispiele und Songs, die im Buch beschrieben werden, vorgespielt.
Der Titel des Buches entlehnt sich aus der indischen Philosophie. „Nada“ bedeutet dabei so viel wie „Klang“ und „Brahma“ steht für den Schöpfergott oder das Universum als Ganzes. „Nada Brahma“ kann also übersetzt werden mit „Die Welt ist Klang“. Berendt lässt sich in seinem Buch von dieser Weltanschauung inspirieren und geht davon aus, dass jedes Objekt im Universum „schwingt“ oder „klingt“. Anschließend versucht er eine Brücke zwischen Wissenschaft und Spiritualität zu schlagen und regt dazu an sich zu fragen, was es heißt im Einklang mit der Welt zu leben.
„Nada Brahma“ ist auch deshalb ein so wichtiges Buch für mich, weil ich es im Nachlass eines verstorbenen Freundes gefunden habe. Beim Ausräumen seiner Wohnung hatte ich nur einen flüchtigen Blick darauf geworden, aber als ich später dazu kam es zu lesen, wurde es zu einer immensen musikalischen Inspirationsquelle. Als ich dann vor kurzem festgestellt habe, dass ein neues Buch mit nahezu identischem Titel erschienen ist, war ich natürlich gleich interessiert.
Julian Treasure ist ein beliebter Redner, dessen Ted-Talks über Kommunikation Millionen von Klicks erreicht haben. Dieses Jahr veröffentlichte er ein Buch zum gleichen Thema wie Joachim Ernst Berendt vor über 40 Jahren. Es trägt den Titel „Alles ist Klang- Wie Geräusche unser Leben, unser Wohlbefinden und unseren Planeten beeinflussen.“
Nachdem erklärt wurde was Klang physikalisch überhaupt ist und wie das menschliche Gehör funktioniert, lässt sich das Buch in vier Folgeteile zerteilen: Biophonie, also die Geräusche der belebten Natur, Anthrophonie, die Klänge von uns Menschen, Geophonie, als die Geräuschkulisse, die unsere Erde erzeugt und zuletzt Kosmophonie oder die Schwingungen der Sterne. Es geht um den stillsten Raum der Welt in einem Labor von Microsoft, Tonerzeugung und -wahrnehmung bei verschiedensten Tieren, die negativen gesundheitlichen Aspekte von Lärm, die Ortung von Fischen per Echolot, die weltumspannenden Schallwellen nach einem Vulkanausbruch und viele weitere Themen.
Auch hier werden Links zwar im Vorwort versprochen, sucht man aber nach dem deutschen Titel im Internet wird man nirgendwo fündig. Erst wenn man den englischen Originaltitel „Sound Affects“ eingibt, wird man auf die entsprechende Seite weitergeleitet, die dann auch ausschließlich auf Englisch ist. Das ist von Seiten des Piper-Verlags nicht gut gelöst.
„Nada Brahma“ von Berendt ist tiefgründiger, philosophischer und sieht sich im Erbe der pythagoreischen Tradition die Sphärenharmonie vernehmen zu wollen. Gleichzeitig führt uns das Buch an den Rand der Esoterik. Kritiker würden vielleicht sogar behaupten, dass Berendt längst der Vernunft entsagt hat und über diese Klippe gesprungen ist. Am Ende ist wohl ein nuancierteres Urteil notwendig. Berendt, der vor dem Zweiten Weltkrieg auch eine Zeit lang Physik an der TH Karlsruhe studiert hatte, versucht sicherlich auf wissenschaftlicher Grundlage zu bleiben, lehnt sich dabei aber sehr weit aus dem Fenster.
Bei Julian Treasure ist die Gefahr eines esoterischen Fenstersturzes nicht gegeben. „Alles ist Klang“ bleibt bodenständig und gleicht eher einer Rundumschau der heutigen Forschung im Bereich der Akustik, Musiktheorie, Anthropologie, etc. Selbst das letzte Kapitel des Buches zur „Kosmophonie“ beschäftigt sich mit astronomischen Messinstrumenten und nicht mit Meditation.
Idealerweise liest man also beide Bücher und schafft so eine (populär-)wissenschaftliche Grundlage für philosophische Spekulationen. Oder wie S1gns of L1fe sagen würde:
„Keep your head in the clouds and your feet firmly on the ground.“
S1gns of L1fe
